Rezension: Arcade Fire – The suburbs

Vororte sind toll – für Kinder. Viel Platz zum Spielen, kaum Gefahren durch den Straßenverkehr. Vororte sind die Hölle – in der Pubertät. Man möchte die Welt erobern, doch der Blick zerschmettert am Gartenzaun und der Hecken schneidenden Frau Schmidt dahinter, die einem immer noch Lollis zusteckt. Bloß weg hier, in die Stadt, die einem als jungen Erwachsenen den Puls vorgibt. Und dann sind Vororte eine Vernunftsentscheidung, wenn man selbst Kinder hat, die viel Platz zum Spielen haben und kaum Gefahren im Straßenverkehr. So richtet man sich in den nächsten zwanzig Jahren ein und wenn die Kinder aus dem Haus sind, ist die Hypothek gerade abbezahlt und die Gewohnheit an Ruhe und Garten. Das gibt man nicht auf.

Auch Win Butler, Sänger und Songwriter von Arcade Fire, wuchs mit seinem Bruder William, der heute in der Band vor allem Bass und Synthesizer bedient, in einem Vorort auf, The Woodlands bei Houston/Texas. Als er Jahrzehnte später gemeinsam mit seiner Frau Régine Chassagne, neben Butler auch Aushängeschild der Band, dorthin zurück kehrte, wurde der Grundstein für das dritte Album der kanadischen Band gelegt. Es geht um die Unschuld und den Verlust der selben, genauso aus der Marko- wie aus der Mikroperspektive betrachtet.

Musikalisch hingegen ist bei Arcade Fire nichts mehr mikro. Fanden sie auf ihrem Debütalbum „Funeral“ zu den bereits damals universellen Themen und den großen Melodien die passenden Arrangements vor allem im Folkinstrumentarium, das trotz seiner Limitierung den hymnischen Songs statthalten konnte, der Kontrast zwischen dem Charakter der Lieder und ihrer Instrumentierung sogar einen Teil des Reizes ausmachte, hörte man im Nachfolger „Neon bible“ den Zwiespalt zwischen dem eigenen Wunsch, klein zu bleiben, und dem Epigonen-Status, den die Band erreicht hatte und dem Druck, der dadurch entstand.

Mit „The suburbs“ haben Arcade Fire auch musikalisch den Status akzeptiert, den sie inzwischen innehaben. Die Akkustikgitarre wurde gegen ihre elektrische Schwester eingetauscht, Synthesizer sind nicht mehr nette Beilage sondern Grundelement, spielen in „Halflight II (The celebration)“, einem der stärksten Songs der Platte, gar die tragende Rolle. Zurückgenommen wurde der Gesang, der zum einem im Vergleich zu den Vorgängern nicht mehr so weit im Vordergrund steht, aber auch bezüglich der Emotionalität. Hätte sich Win Butler früher mitten ins Geschehen geworfen, erzählt er heute aus der Perspektive des Beobachters, der stärker beschreibt als erlebt.

Die Rebellion ist vorbei, Arcade Fire sind nach den Jahren des Ausprobierens wieder im musikalischen Vorort angekommen, haben sich eingerichtet. Die Melodien sind nicht mehr so prägnant wie in den Drangzeiten, saturierter, aber auch diese Unaufdringlichkeit hat ihren Charme. Den weiß auch Frau Schmidt zu schätzen.

Arcade Fire „The suburbs“ erscheint am 2. August bei City Slang/ Universal.

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5 Antworten to “Rezension: Arcade Fire – The suburbs”

  1. markus Says:

    hätten sie sechs überflüssige songs weggelassen, dann wäre es der dritte meilenstein in folge. aber auch so ist es eigentlich keine enttäuschung. fünf übersongs, der rest stattlich, aber eben nicht mehr so ergreifend wie zuletzt. dennoch wird das ihr ganz großes durchbruchsalbum werden. und ich wahrsage einfach mal: „modern man“ wird die durchbruchssingle. nächste woche entscheidet das management.

  2. eric Says:

    ich bin nach drei durchgängen ziemlich begeistert von der platte, hätte ich so eigentlich nicht erwartet. das album ist irgendwie mutig, andere atmosphäre, teilweise mehr leichtigkeit, viele gitrarren, mut zum pop. „halflight 2“ und „modern man“ gefallen mir auch (mit) am besten. kaufen werd ich das.

  3. Stefan Says:

    Schöne und zutreffende Rezi. Anders als Markus erkenne ich keine „überflüssigen“ Songs.

  4. Johannes Mihram Says:

    Ich sehe sie deutlich stärker als den Vorgänger, aber längst nicht so gut wie das Debüt. In Noten wäre es ein Musterbeispiel für eine 7/10. Aber das mit dem großen Durchbruch könnte klappen, da sie geschickter Weise auch in der Saure-Gurken-Zeit erscheint un die große Aufmerksamkeit für sich gepachtet hat.

  5. qwertz Says:

    Durchbruch kann ich mir gar nicht vorstellen bzw mag ich mir gar nicht ausmalen. Und wenn, dann mit eher Sprawl II.
    Ich selbst würde wohl ne 8/10 geben, wie auch den beiden Vorgängern.

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